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14.10.05

Verheimatung

Zuhause ist, wo das Kaffeewasser kocht und ein PC summt.einszwo

Ich bin ja immer neidisch, wenn ich bei Don die Artikel über seine Heimatstadt München lese. Er kennt seine Stadt in und auswendig, kennt ihre Stimmungen, ihre Masken, ihre schönen und ihre hässlichen Seiten. Und in jedem der Sätze, vor allem auch in den kritischen, spricht sich eine unnachahmliche Liebe aus, die man nur für das empfinden kann, was allgemein als "Heimat" firmiert.

Und dann merke ich, dass ich noch keine einzige Zeile über Hamburg verloren habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich so selten herauskomme aus meiner Butze. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich hier noch nicht so richtig angekommen bin, obwohl ich schon fast ein Jahr hier wohne. Angekommen bin ich ja mit dem Vorsatz, hier meine Magisterarbeit zu schreiben und so ließ ich mir wenig Zeit mich tatsächlich auf die Stadt einzulassen. Nein, ich mag diese Stadt, ich mag die Art, ich mag das Flair und alles. Vielleicht bin ich sogar ein wenig verliebt aber von echter Liebe kann man noch nicht sprechen.

Vielleicht sollte ich deswegen lieber über Lüneburg schreiben, denn dies war meine Heimat für lange Zeit, sechs Jahre lang. Dort hatte ich dieses Gefühl, diese Hassliebe, die man empfindet, die sich über die Jahre bildet in den Auf und Abs, den Liebesschwüren und dem Hadern, den Überraschungen und den Krisen.

Doch diese Zeit ist vorbei, definitiv vorbei, wie ich immer merke, wenn ich dort bin. Ich empfinde nicht mehr diese Hassliebe zu dieser Stadt, sondern etwas anderes. Denn dieses Empfinden ist immer auch eine Selbstwahrnehmung und so wird mir bewusst, dass ich damals wohl oft mich selber gehasst oder geliebt hatte immer dann, wenn ich dachte, dass es um die Stadt ginge. Denn es ist unmöglich die Heimat zu betrachten, ohne sich selbst zu betrachten, und es ist vielleicht auch unmöglich sich selbst zu betrachten, ohne die Heimat zu betrachten.

Der Blick auf diese Stadt ist also ein anderer geworden, weil nicht mehr ich es bin, der sich in ihr widerspiegelt, sondern ein anderes ich, eines, dass nur noch in den Erinnerungen lebt. Meine Besuche in Lüneburg sind dadurch eher Konfrontationen mit meiner Vergangenheit, als mit mir selbst. Diese Distanziertheit ermöglicht es mir aber auch Lüneburg auf eine andere Weise zu erfahren, vielleicht sogar auf eine angenehmere Weise, denn ich kann es genießen, ohne mich ständig mit mir selbst beschäftigen zu müssen.

Diese Rolle, die ich dort einnehme, ist eine andere, aber eine, die jeder kennt und schon mal eingenommen hat: Es ist die Rolle des Besuchers, des Fremden, vielleicht sogar des Touristen. Und auch wenn es noch viele Leute dort gibt, die ich nicht ohne Stolz meine Freunde nenne, ist auch mein Verhältnis zu ihnen eine anderes geworden. Merken tue ich es in den Gesprächen, die untereinander geführt werden über das, was in Lüneburg so geht, was gar nicht geht, was geplant ist und wie was einzuschätzen ist. Es sind die Themen, bei denen ich nicht mehr mitreden kann und die für mich auch nicht mehr von Belang sind. An ihnen merkt man diese Distanz am stärksten. Der ganz normale Alltagstrott ist es, der einem vor Augen führt, wie das Leben dort auch ohne einen weitergegangen ist und ständig weitergeht. Und an dieser Stelle kommt dann unwillkürlich dieses Gefühl des Sich-außerhalb-befindens.

Diese Selbsterkenntnis des Besucher-seins in der ehemaligen Heimat deutet in seiner Negation aber eben das an, was immer als "Heimat" deklariert wird. Es zeigt mir, dass es nicht der geografische Ort ist, an dem ich mich befinde, kein x und kein y auf einem Koordinatensystem, kein Lüneburger Eingangsschild aber auch keine Fahrt über die Elbrücken nach Hamburg. Es sind auch nicht die Leute, die mir ja durchaus noch vertraut sind, vertrauter noch als an allen anderen Orten, die mir doch eigentlich dieses Gefühl des Zu-Hause-seins vermitteln müssten.

Nein, denn Heimat ist ein Prozess und keine feststehende Entität. Es ist der lebendige Diskurs über einen Ort und über eine Gruppe, die von der Gruppe an dem Ort geführt wird. Es ist das ständige Reden über die kleinen und die großen Dinge des Lebens im hier und jetzt, über die Grenzen dieses Diskurses und vor allem über sich selbst als ein Teil davon. Heimat ist kein Ort sondern eine ständige Verortung, die als Metatext in den Alltagsgesprächen ständig mitgeführt wird. Und in den Gesprächen über Mensaessen, Partys, Busverbindungen, Stimmungen und Beziehungen wird immer wieder aufs Neue festgelegt, was das eigentlich ist: Heimat.

In Hamburg habe ich diesen Diskurs eben noch nicht begonnen und bin auch noch weit davon entfernt und sicher wird es seine Zeit brauchen und mit Sicherheit ist die Fertigstellung der Magisterarbeit dafür erst einmal die Vorraussetzung dafür.

Und klar, dieses Blog ist zum Teil auch Kompensation für diesen Diskurs, denn auch dies ist ein Ort oder es wird hier ein Ort konstituiert. Man kann dies sehr deutlich ablesen an diesen Diskussionen über Klein Bloggersdorf, die Blogsphere und ähnliches. Und auch wenn es (vor allem in Blogs) immer wieder kritisiert wird, wie selbstreferenziell dieses ganze Blogdings ist, sollte man nicht vergessen, dass es ohne diese Selbstreferenzialität dieses Blogdings gar nicht gäbe. Denn die Verortung der Heimat kann nur eine Verheimatung des Ortes sein, die ein jeder betreibt, notwendig betreibt, vielleicht an verschieden Orten gleichzeitig. Und heraus kommt dann tatsächlich die Heimat oder die Heimaten als eine Art selffullfilling prophecy, was aber nicht gleichbedeutend ist mit einer Illusion oder einem sonst wie intelligiblem Ideal, sondern als ein Akt der Bekräftigung, der einen Zaunpfahl in den Boden rammt, eine Flagge hisst und einen Claim absteckt oder einfach nur das Kaffeewasser aufsetzt.

2 Zitate:

... oder wie Anonymous Enno einst so treffend sagte:

"Ist Heimatentfremdung auf diese kurze Distanz möglich? Wie geht es Dir in Hannover? Ich kenne das nur von Leer. Dort habe ich nicht nur diese Distanz, ich merke auch, dass ich so total ein anderer bin, dass ich länger als 3 Tage gar nicht weiß, was ich dort soll...

Lüneburg ist aber auch schon ein Quasi-Stadtteil, verglechbar mit Bergedorf usw... ich fühle mich gar nicht so "außerhalb Hamburgs" lebend hier."

Montag, Oktober 17, 2005  
... oder wie Blogger mspro einst so treffend sagte:

"Das ist doch aber genau das, was ich zu zeigen versuche, dass Heimat eben keine geographische Entität darstellt. Sonst hättest du ja recht. Aber es geht eben darum dass ich abgeschnitten bin vom spezifischen Lüneburger Diskurs. Das ist ja das, was die Fremdheit eben ausmacht."

Montag, Oktober 17, 2005  

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