Too Cool for Internet Explorer

5.5.08

Eigentlich

Was ist "Eigentlich" eigentlich für ein komisches Wort? Eigentlich scheint es nur im deutschen zu geben. "Really" im Englischen entspricht ihm nicht wirklich (not really). "Eigentlich" macht etwas ähnliches, aber es macht es konsequenter. Während "Really" zwar auf eine Realität hinweist, die anders ist als es scheint, impliziert "Eigentlich" von vornherein zwei Realitätsebenen. Zwei Realitätsebenen, mit denen wir ganz selbstverständlich umzugehen wissen, die uns sprachlich seit unserer Kindheit begleiten. Die also mit der Muttermilch aufgesogen, uns tief in unser Stammhirn eingepflanzt sind, kaum mehr bewusst aber immer präsent.

Einerseits haben wir die Welt des Scheins. Die Dinge scheinen auf eine bestimmte Art und Weise klar vor uns zu liegen, sie lassen sich beobachten und bewerten, aber der Deutsche weiß bereits, dass dem ja nicht so ist.

Denn eigentlich ist es ja alles ganz anders. Die Welt der Eigentlichkeit ist die Welt der Wahrheit, genauer: der Wahrheit hinter der Wahrheit. Hier, abgetrennt von der äußerlichen Welt, regieren die verborgenen, ja, geheimen Mechanismen der Welt. Das, was nicht offensichtlich ist, hat hier seinen Platz. Das Wort "Eigentlich" ist das Tor, das man seinem Gesprächspartner dahin öffnet.

Und hinter diesem Tor ist nichts wie es scheint. Hässliche Dinge werden plötzlich schön (Eigentlich ist es doch ganz schön), Aufgaben, an denen man noch sitzt, sind plötzlich erledigt (Eigentlich bin ich schon fertig) und widerliche Menschen werden nett (Eigentlich ist er ganz nett).

Tolles Wort eigentlich, dieses "Eigentlich".

Labels: , , ,

8.4.08

Vortragspaper für den Hyperkult 17

Ich habe mich vor allem auch deswegen so mit diesem Paper gequält, weil ich nach längerer Zeit der Aufschieberitis damit einen gewissen Neuanfang oder eine Repositionierung meiner Diss gewagt habe. Genau genommen habe ich die bisherigen Thesen an dem Beispiel der relationalen Datenbank konkretisiert. Dazu musste ich mich zunächst ein paar Dingen versichern, das heißt viel lesen und viel nachdenken.
Was dabei rausgekommen ist, ist ein ziemlich weites Ausdemfenstergelehne. Vor allem wenn man sich die Konsequenzen vor Augen führt. Das Konzept impliziert eine Ablehnung der heute vor allem in Deutschland vorherrschenden Medienarchäologie in der Tradition Kittlers. 

Dennoch bin ich nicht zufrieden mit dem Text. Man merkt ihm an, unter welchen Schmerzen er geboren wurde. Er wird hier und da viel zu konkret (für ein eher ankündigendes Paper) und ist nicht wirklich elegant formuliert.

Das alles wird vielleicht den einen oder anderen Weblogbesucher hier verschrecken, aber ich wollte ja eh nie A-Blogger werden. ;) 


Von der Frage nach der Ordnung zur ordnenden Frage
Derrida befragt Foucault LEFT JOIN Freud

"Eure »Ordnung« ist auf Sand gebaut."1 
„Zweiundvierzig“2 

Kann man die Erfindung der relationalen Datenbank als Aussage analysieren? Als eine Aussage im foucaultschen Sinne? 
D.h.: Besitzt diese Erfindung die Singularität des Ereignisses und die Persistenz, die Zurechenbarkeit und die diskursive Einbettung in die Ordnung einer diskursiven Formation?3 Ist sie gar ein Bruch, eine Bruchstelle oder Kante? Einer jener Diskontinuitäten in der Geschichte, pikanter Weise in der Geschichte der Ordnung selbst? Und würde man mit der Analyse des Diskurses, der Positivitäten der Aussagen, der diskursiven Verknüpfungen und der Bruchlinien z.B. des Streits zwischen Ted Codd und Charles W. Bachman4 in den 70er Jahren, würde man damit dem Bruch gerecht werden, den die relationale Datenbank heute ausgelöst hat und weiter auslöst?

Diese Frage hat es in sich. Sie lässt sich nicht frontal beantworten, denn sie ist gekoppelt an so viele Voraussetzungen, die nicht als gesichert gelten dürfen. Voraussetzungen, die der Frage bereits einen Sinn geben, man könnte sagen, eine Ordnung geben, die die Antwort nicht unberührt lassen kann. Im Folgenden werde ich diese Schwierigkeiten anreißen, die ich in meinem Vortrag diskutieren möchte:

Erste Unsicherheit: Ordnung. Was ist das, Ordnung? Was war es und was ist es heute? Die Frage nach der Ordnung muss zunächst gestellt werden und sie muss neu gestellt werden, vor allem in Anbetracht der Datenbank, die eine Ordnungstechnik ist. Eine Technik, die also selber den Begriff der Ordnung neu bestimmen wird. Es ist grundsätzlich nicht leicht die Frage nach der Ordnung zu beantworten. Es ist bereits schwer, sie zu stellen. Die Aussagen zu befragen, d.h. ihre Relationen und Verknüpfungen zu sammeln und ihr Feld abzustecken, hieße ihre gegebene Ordnung auszubreiten und zu untersuchen. Aber wie weit kommt man bei der Untersuchung dieser Positivität, wenn eben die Aussage der Datenbank die Positivität in ihrem Selbstverständnis in Frage stellt?

Denn meine These zu der relationalen Datenbank ist, dass sie die Ordnung in Frage stellt. Sie stellt sie in Frage, in einem dreifachen Sinn:

1. Sie stellt die gegebene Ordnung in Frage, die bisher in den Archiven, Bibliotheken und Sammlungen, den Katalogen und Karteikarten herrschte.
2. Sie stellt nicht nur die Ordnung, das heißt: nicht nur die gegebene Ordnung, sondern die Gegebenheit von Ordnung im allgemeinen in Frage.
3. Sie stellt all diese Ordnungen, Ordnungssysteme und Ordnungstechniken und damit auch alle möglichen Ordnungsanalysen in Frage, indem sie sie in die Frage stellt.

Eine SQL-Abfrage (Structured Query Language) ist keine Frage unter anderen. Diese Frage ist eine völlig andere Antwort auf die Frage der Ordnung. Denn wenn wir es gewohnt waren eine Ordnung zu errichten, die eine Gültigkeit und eine Orientierung versprach und beanspruchte5, die diese aber zugleich in ihren Befragungsmöglichkeiten beschränkt, gibt die relationale Datenbank dieses Konzept zum großen Teil auf. Die Verknüpfungen der Daten und die Ordnung ihrer Ausgabe wird nicht mehr ausschließlich vom System vorgegeben, sondern sie wird erst in und durch die Abfrage generiert. An eine relationale Datenbank kann dadurch eine bis dato ungekannte Anzahl von möglichen Fragen gestellt werden. Die Ordnung ist in der relationalen Datenbank eben nicht in erster Linie eine gegebene Ordnung, sie ist vor allem eine unüberschaubare Anzahl von möglichen Ordnungen.

Zweite Unsicherheit: Das Ereignis. Was ist das Ereignis? Ist das Ereignis tatsächlich noch, jedenfalls ausschließlich, auf der Seite der Einschreibung zu suchen? Muss man nicht, jedenfalls jetzt, nachdem die Möglichkeit in und durch die relationale Datenbank angeschnitten wurde, das Ereignis der Ordnung ebenso in seiner Befragung suchen? Derrida war es, der Foucault als erster darauf hinwies. In "Cogito und die Geschichte des Wahnsinns" wirft er Foucaults frühem Werk "Wahnsinn und Gesellschaft" vor, seine eigene Methodik nicht nach der Bedingung seiner Möglichkeit befragt zu haben. Dass "es kein Zufall [ist], wenn ein solches Vorhaben heute hat entwickelt werden können, [...]", weil "eine bestimmte Befreiung des Wahnsinns begonnen hat".6
Derrida, der hier natürlich auf die Psychoanalyse Freuds anspielt, die in dem Wahnsinn eine eigene Logik entdeckte und so von der schlichten Unvernunft schied, hat einen grundsätzlicheren Einwand gegen Foucaults Geschichtsverständnis. Er fragt die Frage nach der Ordnung anders. Man könnte sie folgender Maßen formulieren: "Welche impliziten Verknüpfungen sind in Foucaults Fragen am Werk, die ihm erlauben, diese seine Fragen an das Archiv der Trennung von Wahnsinn und Vernunft zu stellen?".
Die Frage nach der Ordnung stellt sich als Frage nach der Stellung der Frage zu der Ordnung. Ist also die Frage nach der Ordnung, weil sie erst durch die Ordnung, durch eine neue Ordnung, eine Umordnung des Diskurses hat gestellt werden können? Heute, anders als vor 100 Jahren? Und morgen anders als heute?

Doch was ist das Ereignis, wenn dessen Befragung das Ereignis - zumindest auch - rekonfiguriert? Wenn sie es in eine andere Ordnung einschreibt, die nicht die seine ist, durch eine andere, vielleicht ganz andere Frage?

Die Frage nach der Ordnung von der Frage her zu stellen, scheint um so dringlicher, wenn man die bereits fast 30 Jahre alte Erfindung der relationalen Datenbank nur als Zwischenstation einer viel umfassenderen Umschichtung der Wissensordnung betrachtet. Das Internet hat gezeigt, dass die Entwicklung beim Befragen der Datenbank nicht aufhört, sondern dass durch die gleichzeitige Abfrage mehrerer Datenbanken, die Fragen selbst ins unendliche verschaltet werden können.7 Zudem kommen immer mehr mögliche Verknüpfungen hinzu, die aus bestehenden Daten mit einer geschickten Befragung ungeahnte Zusammenhänge offenbaren.8 Die ordnende Frage der Zukunft wird umfassender, ja monströser sein, als wir es uns heute vorstellen können. Diese Entwicklung, die nicht nur Foucault's und unseren Begriff von Ordnung, sondern ganz real - im hier und jetzt - die strukturelle Ordnungsmacht der „Gatekeeper“ bereits dekonstruiert, entzieht sich selber eines direkten Zugriffs. Denn eine Analyse all dessen scheint unmöglich, weil ihre Strukturen sich in eine Zukunft vieler noch nicht gestellter Fragen verflüchtigen.

Mir scheint es deshalb so, als sei der Streit zwischen Foucault und Derrida, der sich beinahe nur und ausschließlich um diese Fragestellungen gruppiert, als sei dieser Streit für das Verstehen der Datenbank und ihrer Bedeutung besser geeignet, als eine Diskursnanalyse des Streits zwischen Codd und Bachman. Vom Cogitoaufsatz Derridas9 bis zur posthumen Aufarbeitung des Streits in „Gerecht sein gegenüber Freud“10 wird die Frage der Ordnung verhandelt, die Frage nach der Legitimität der Errichtung und der Untersuchung der Ordnung. Dabei wird Frage nach der Stellung des Ereignisses eine geheime Schlüsselrolle einnehmen11, die in zwei unterschiedlichen Theorien des Archivs12 ihren Ausdruck finden. Die Sichtweise auf das Ereignis wird die Möglichkeiten der Analyse der Vergangenheit ebenso bestimmen, wie die Frage der Zukunft. Die Frage der Zukunft als der zukünftige Frage an das Archiv. Der noch nie da gewesenen Frage, mit deren Kommen man aber unbedingt rechnen muss.

1 Rosa Luxemburg, Die Ordnung herrscht in Berlin, in Werke, Bd. 4, S. 538.
2 Adams, Douglas: Per Anhalter durch die Galaxis, S.179.
3 Vgl. Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, S. 128 ff.
4 Dessen Ausgangspunkt Codds Artikel: „A Relational Model of Data for Large Shared Data Banks“ ist, der 1970 im „Communications“ erschien. Der Streit ist dokumentiert in Gugerli, David: Die Welt als Datenbank. Zur Relation von Softwareentwicklung, Abfragetechnik und Deutungsautonomie. In: David Gugerli, Michael Hagner, Michael Hampe, Barbara Orland, Philipp Sarasin, Jakob Tanner (Hg.): Nach Feierabend 2007: Daten.Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte.
5 Derrida nennt dies „Topo-Nomonlogie“ vgl.: Derrida, Jacques: Dem Archiv verschrieben, S. 12 ff.
6 Cogito und die Geschichte des Wahnsinns, in Ders.: Schrift und Differenz, S. 63.
7 Man sehe z.B. die auf den ersten Blick so unscheinbar daherkommende Technologie der RSS-Feeds an, die es möglich jedem macht, seine ganz individuelle Frage nach Neuigkeiten zu stellen, an millionen von Datenbanken - mit einem Klick.
8 Microsoft schickt sich derzeit an, mit PhotoSync die Bildanalyse und damit deren mögliche Verknüpfbarkeit zu revolutionieren. http://labs.live.com/photosynth/ (28.03.2008).
9 Cogito und die Geschichte des Wahnsinns, in Ders.: Schrift und Differenz.
10 Derrida, Jacques: Gerecht sein gegenüber Freund, in Ders.: Vergessen wir nicht - die Psychoanalyse!
11 Vgl. Bunz, Mercedes: Wann findet das Ereignis statt? Geschichte und der Streit zwischen Michel Foucault und Jacques Derrida. S. 1 ff, http://www.mercedes-bunz.de/wp-content/uploads/2006/06/bunz_ereignis.pdf (28.03.08).
12 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens sowie Derrida, Jacques: Dem Archi verschrieben.

Labels: , , , ,

21.1.08

Hyperkult 17 - call

Der Call des diesjährigen Hyperkult erwischte mich heute kalt. Denn nichts anderes als mein Dissertationsthema wird dort verhandelt: "Ordnungen des Wissens". Das ist einerseits schön und zeigt, dass ich irgendwie richtig liege mit meiner Themenwahl. Andererseits überkam mich sogleich das schlechte Gewissen, weil ich so lange nichts mehr dafür getan habe. Natürlich geht es gar nicht anders, als dass ich diesmal etwas einreiche. Aber irgendwann musste es ja soweit kommen. Na dann, auf auf!

So gesehen kam der Call genau zur richtigen Zeit.

Sehr schön auch der Begleittext:
Die Ordnung des Wissens wird mit und in Computern verwahrt. Börsennotierte Unternehmen besitzen es, machen es profitabel zugänglich oder enthalten es vor. Dabei geht es nicht um Zensur, wenn festzuhalten ist, dass die Verfügung über das Wissen der Welt nunmehr außerhalb der Verantwortung wohlmeinender Sachwalter wie Bibliothekarinnen oder Archivaren oder professioneller Geheimhalter wie den Sicherheitsdiensten geraten ist. Was Google und andere nicht anzeigen, wird heute nicht wahrgenommen und existiert morgen ganz einfach nicht mehr. Und was sie findbar machen, ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
Es ist die Ordnung selbst, die sich verändert, ohne dass dies von denen zu verhindern wäre, die noch zu Zeiten des Zettelkastens für das Wissen der Welt oder dessen Verschluss zuständig waren.
Dabei träumten in den 60er Jahren noch so manche von einer aufgeräumten Gesellschaft. Das Militär, Banken, Versicherungsfirmen und Science-Fiction-Autoren erkannten das Potenzial der Computer, und auch der Staat erhoffte sich eine effizientere Verwaltung seiner Bürger in zentralisierten Datenbanken. Gegen diesen Willen zum Wissen wurden Gesetze in Stellung gebracht, um die Menschen vor allzu zudringlichen linearen Listen und binären Bäumen zu schützen. Der Glaube aber, Ordnung bedeute Sicherheit, weht weiterhin durch die Büros der Innenministerien.
Inzwischen werden die Datensammlungen der Behörden übertroffen von denen der Internet-Firmen, deren weltweit verteilte Datenbestände sich einer öffentlich-rechtlichen Kontrolle systematisch entziehen. Das Problem ist heute nicht mehr, Information zu erzeugen, sondern sie zu finden. Das WWW ist der perfekte mathematische Baum, in dem jede Datei eine eindeutige Adresse zugewiesen bekommt. Deshalb ist die Ordnung der Informationen bis heute nur durch brute force aufzulösen, indem der digitale Bibliothekar bei jeder Anfrage jedes Blatt seiner Bibliothek durchsucht,-- was jeden Bibliothekar und auch alle zusammen schlicht überfordert und nur noch von Serverfarmen unter erheblichem Kapitaleinsatz leistbar ist, was wiederum die öffentliche Hand überfordert.
Und nicht jede gefundene Information darf behalten, geteilt, zitiert oder genutzt werden. Die Ordnung des Wissens schafft Eigentumsverhältnisse und Äußerungsdelikte, Meinungsfreiheiten und Pressezensur. Den Ordnungskräften stellt sich eine Informationsguerilla entgegen, die Regeln unterwandert oder Strukturen ins Unerträgliche vermehrt und dadurch hofft, durch das Raster zu fallen. Und daneben wächst eine Wissensindustrie, die nach ihren eigenen Regeln agiert.
Wir fragen daher: Welche Ordnungsstrukturen werden durch den Computer als Medium geschaffen, welche in Frage gestellt? Wer kann noch Einfluss nehmen? Was wird mit Computern geordnet und was entzieht sich diesen Bemühungen? Welche Wünsche und Ängste verbinden sich mit Ordnungen? Welche Rolle spielt Ordnung in der Kunst? Welchen Wert bekommt die Unordnung in der digitalen Welt?

Labels: , , ,

13.12.07

Du User - Das Ende des Web2

Ein "User" ist jemand, der etwas benutzt. Sein Gegenüber ist also der "Provider", der das genutzte bereitstellt. In den weiten des Web verwischt diese Grenze sehr häufig. Ich bin User bei Blogger.com, der mir die Möglichkeit gibt selber Provider zu sein. Es gibt also, gerade im Web2.0 eine Provider/Userkette, in der beinahe jeder beides ist. 

Damit wären zwei Rahmenbedingungen abgesteckt: 

1. Ein User ist jemand immer nur für jemanden in einer bestimmten Situation.
2. Ein User ist in diesen Momenten ein Abhängiger des Providers. Der User ist verschuldet. Bis über beide Ohren.

Auf das Web2.0 bezogen kann man also festhalten, dass in der Provider/User Kette sich immer der "Dienst" befindet, der sich mit dem Label Web2.0 behaftet. Und zwar als Provider. 

Hat da jemand "Marx" geschrien?

Die emanzipatorischen Potentiale des Web2.0 wurden oft genug in die Höhe gelobt. Der "User" so das Verprechen, stände von nun an im Mittelpunkt des Geschehens. Der User der nicht eben mehr "nur" User sein sollte, sondern "Prosumer", jemand, der neben dem Konsumieren auch noch produzieren sollte. Dem damit auch eine andere Stelle eingeräumt werden würde.

"Du User".

Die positive Aufladung des Userbegriffs ist aber eine Ablenkung. Der User bleibt immer verschuldet. Die Web2.0 Apologeten versuchen uns nur einzureden, dass das ja gar nicht schlimm sei und sie uns dennoch ernst nehmen würden. Klar. Ist doch genau diese Verschuldungssituation ihre Geschäftsgrundlage. Ganz egal, wie sie dann abbezahlt wird: Bezahldienst, Werbung, Datensammeln, etc. Die Schulden werden eingetrieben werden.

Das, was uns als Befreiung verkauft wird, ist nichts weiter als eine weitere Gängelung auf Raten. Noch sind die Gängelungen klein und unauffällig gehalten, aber schon jetzt weht der Wind rauer. Sei es das Datensammeln bei Facebook, das einschränken der Rechte bei Usern, die nicht bezahlen, das vollkleistern mit Werbung. Die Provider fordern ihren Tribut. Und sie sind noch nicht saniert.

Das Ende

Der Traum ist aus, die Euphorie dahin. Das kann man schon jetzt deutlich merken. Die einzigen die noch schreien, sind die, die noch auf die Kohle warten. Das Web2.0 ist akribisch bemüht sich in die klassische Ökonomie einzureihen. Und das soll jetzt schnell gehen. Es muss.

Was bleibt? Eine ganze menge Dienste. Bisher. Manche davon sogar sinnvoll, manche zum Scheitern verurteilt. Was mit diesen Diensten geschehen wird, wird sich zeigen. Aber überall steckt Kapital drin und überall wird man versuchen es irgendwie möglich wieder herauszubekommen. Und nein. Google kann nicht alles kaufen. Und wir werden die User sein. Die User im abfälligen Sinne des Wortes. Dann doch wieder. Klickfieh, Datensatz, Spamadresse. 

Was - komme was da wolle - bleibt, sind die Ideen. Die, die sich durchgesetzt haben. Wenn der letzte Web2.0 Dienst den Weg zum Teenieconatiner gemacht hat, einige an Geldmangel eingegangen sind, andere zur Werbehölle verkommen sind, werden diese Ideen weiterleben. 

Die nächste Stufe

Und zwar in der nächsten Stufe der Webevolution. Man kann das am ältesten Web2.0 Hype bereits festmachen: Blogs. Blogs haben sich längst vom Web2.0 abgespalten. Jeder kann seine eigene Software auf seinem eigenen Server installieren. Außerdem gibt es so dermaßen viele erfolgreiche Blogprovider, dass sich allgemeine Standards herauskristalliesiert haben. Komementare, Blogroll, Trackbacks funktionieren größtenteils über Systemgrenzen hinweg. Und zwar ganz einfach über das alte System der Links. Niemand ist hier wem hörig, das Angebot ist zu groß und vielfältig, als dass sich Blogprovider etwas herausnehmen könnten. Und mit einer Selbstinstallation eines Systems kann man sich völlig unabhängig machen.

Das heißt: Die Zukunft gehört den offenen Standards. Niemand braucht mehr einen Dienst, oder eine Plattform für all das, was gut gewesen sein wird, im Web 2.0. Denzentrale mit einander kommunizierende Social Networks. Standartisierte Twitterdienste auf RSS-Basis, lokalitäts-spezialisierte Blogsuchmaschinen ersetzen Qype, etc. Das alles kommt schon in Bewegung (siehe Opensocial, Jabber, Wordpress, OpenId) und wird noch jedes Geschäftsmodell - auf Dauer - im Orkus verschwinden lassen.

Erst wenn die Standards Einzug gehalten haben und die Geschäftemacher damit ihrer Grundlage beraubt sind, werden all die Utopien möglich, von denen jetzt schon alle schwärmen. Der zivilgesellschaftliche Diskurs auf Augenhöhe. Die Befreiung des Users durch die Aneignung der Produktionsmittel.

Labels: , , ,

15.10.07

Aufmerksamkeit

ist rar. Genauso meine Muße über philosophische Themen zu schreiben. Ich gelobe mich zu bessern.

So lange aber, ist die Aufmerksamkeit meiner philosophisch interessierten Leserschaft besser beim hervorragenden Philosophieblog des Herrn Allmann aufgehoben, der so ziemlich genau das macht, was ich mir immer vorgenommen habe: aus einer subjektiven, oft gar persönlichen aber nichtsdestotrotz informierten Schreibe heraus, philosophische Themen originell aufzubereiten.

(Ich weiß, einige meiner Leser haben ihn längst entdeckt und lesen dort schon fleißig mit. Aber sicher noch nicht genug.)

Labels: , ,

5.9.07

Dialog statt Einigung / Freundschaft statt Gemeinschaft


Bild von Cem Basman
Vor erst ganz kurzer Zeit bin ich auf ein sehr junges, aber nichtsdestotrotz interessantes Blog gestoßen. WILLYAM beschäftigt sich scheinbar vornehmlich mit "postmodernen" Fragestellungen. Das tut er aber auf einer sehr kritischen Basis, was ich sehr begrüße. Denn die Kritik ist nicht plump, wie die übliche "Irrationalismus"-Kritik die von der anderen Seite des Ozeans oft herüberschwappt, sondern vor allem ethisch motiviert.

Jedenfalls hat sich sogleich ein fruchtbarer Dialog entfaltet, der hier seinen Ausgangspunkt nahm und dort mündete. Meine Antwort auf seinen letzten Beitrag habe ich dort schon im Kommentar abgefasst, macht sich aber hier genauso gut, da ich eh vorhatte über das Thema zu bloggen:

Ein ganz vortrefflicher Streitpunkt ist das. Denn bei dem Begriff der "Gemeinschaft" hört unsere Gemeinschaft auf. Nicht aber, und das ist wichtig, unser Dialog.

Wie Du siehst, ist der Dialog nicht an Gemeinschaft gebunden. Ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall. Der Dialog ereignet sich ausschließlich in der Differenz.

Ich bin für Dialog. Und gegen Gemeinschaft. Gemeinschaft in einem Sinne, wie wir sie institutionalisiert zuhauf vorfinden und sie immer nach dem Schema F abläuft: Man versammelt sich unter einem Namen, gibt sich ein Gesetz und wählt sich seine Vertreter. Ob Staat, Terroristenzelle, Rockband, Partei oder Unternehmen. Es ist alles das gleiche.

Nein. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Das konnte ich noch nie leiden. Kompromiss, Mehrheitsmeinung, Unterwerfung, Weisung und Zugehörigkeit sind keine Konzepte für mich. Oft mit Leuten zwangsvergemeinschaftet, mit denen ich nicht mal ein Bier trinken würde. Und ich denke, das alles wird auch bald nicht mehr notwendig sein.

Denn wenn es eine Postmoderne gibt, dann ist sie gerade erst im Anmarsch. Sie wäre eine Kommende, wie Derrida sagen würde. Und so, wie Derrida würde ich auch auf ein ganz anderes Gemeinschaftsmodell hoffen. Ein Gemeinschaftsmodell jenseits der Gemeinschaft. Eines, das einen nicht einfasst in etwas anderes, über einem Stehendes.

Das wäre die Politik der Freundschaft. Freundschaft STATT Gemeinschaft.

Ja, ich weiß. Irgendwie fremd und doch ganz banal. Ich habe Beziehungen zu Menschen. Nicht zu Organisationen, Verbänden, etc. Auf die Beziehungen zum Menschen kommt es mir an, auf jede einzelne. Und niemals wird man diese fassen können in einem Begriff, der sie alle versammelt und ihnen ein Gesetz aufdrückt.

Im Internet kann man diese Organisationsform, die völlig ohne Organisation auskommt, bereits super beobachten. Durch Buddylists oder Blogrolls ergeben sich komplexe Netzwerkstrukturen aus miteinander kommunizierenden Individuen in denen niemand seine Individualität, seine Meinung oder sich selbst einer Räsion unterordnen muss.

Und ich bin mir sicher, dass sich dieses Modell irgendwann politisch bemerkbar macht. Und ja, ich bin mir sicher, es ist das Modell der Demokratie von morgen, in der niemand mehr seine Stimme _abzugeben_ braucht, sondern sie nutzt, um direkt in den Diskurs einzugreifen. Und dann wäre Politik dort, wo sie hingehört: beim Einzelnen und seiner Verantwortung.

Das wäre also mein Standpunkt: Dialog statt Einigung. Freundschaft statt Gemeinschaft.

Labels: , , , ,

25.7.07

Waking Life und der philosophische Film

Gestern habe ich Waking Life auf 3Sat gesehen. Ich kannte den Film schon, allerdings nur auf Englisch. Da hab ich zu meiner Schande aber nur die Hälfte verstanden, was fatal ist, bei einem Film, der beinahe nur aus Dialogen Monologen besteht. Auf Deutsch ging das jetzt wesentlich besser.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein Junge wandelt durch seine mehrfach verschachtelte Traumwelt und begegnet jeder Menge Menschen, die über interessante philosophische Fragestellungen sinnieren. Ich bin geneigt sogar zuzugeben, dass sich die Themen im besten Sinne in ausgefeilter Wald- und Wiesenphilosophie ergehen. Finde ich wirklich super. Eigentlich.

Aber anstatt hier diese Themen jetzt freudig aufzugreifen, will ich lieber meckern. Denn ich störe mich an dem Format des Films ansich, der mich zu ein paar medientheoretischen Überlegungen verleitet. Denn ich finde den Film dennoch nicht gut.

Da sind einerseits diese brillianten Gespräche, die den Film von vorn bis hinten tragen. Da ist anderseits diese fulminante Ästhetik, die durch das Übermalen eines Realfilms erzielt wird und dabei auch noch andauernd den Stil wechselt. Zwei Dinge, für sich genommen, die hervorragend sind.

Ersteres gäbe einen super Sammelband ab. Vielleicht eine Radioserie auf Deutschlandfunk Kultur, oder eine gelungene Arte-Dokumentation.
Zweiteres wäre vielseitig einsetzbar, z.B. in Musikvideos, als Kunstfilm oder in einem avangardistischen Shortfilm.
Beides zusammen in einem Spielfilm kann auch funktionieren, wenn nur nicht etwas Entscheidendes vernachlässigt worden wäre: Die Übersetzung.

Es gibt in dem Film kaum eine Übersetzungsleistung, die einem Spielfilm gerecht würde. Das Format wurde verfehlt, sozusagen. Es wurden Texte zusammengeklebt und eine Handlung drumrumgeschrieben, die beinahe zu vernachlässigen ist. Das Ganze ist eine nett colorierte philosophische Anthologie, aber mitnichten philosophischer Film.

Damit meine ich, dass es durchaus philosophische Filme gibt, dass diese Filme aber nicht daraus bestehen, dass die Leute sich über Philosophie unterhalten. Vielmehr schaffen es die guten Filme, die Themen die sie beackern in einer filmischen Sprache, mit filmischen Mitteln zu reflektieren.
Gute philosophische Filme, kommen meist nicht als solche daher. Sie erzählen eine Geschichte, sie stellen Charaktere dar, sie schaffen ein Setting für philosophische Fragestellungen mit den Mitteln des Mediums Film. So etwa wie bei David Lynch, Jim Jarmusch oder Spike Jonze. Der Film als Medium hat seine eigenen Stärken, Fragen zu stellen.

Diese blieben bei Waking Life weitestgehend ungenutzt, was sehr schade ist. Es sind Ansätze da, sie verbleiben aber mehr im Hintergrund und überlassen die Bühne dem schlichten, nackten Wort. Ganz einfach: Für Waking Life hätte es keinen Film gebraucht, denn sein Inhalt bleibt weitestgehend unübersetzt.

Es ist also vielleicht mehr diese Enttäuschung, die mir den Film verleidet, als dass er nicht sehenswert ist. Denn das ist er nämlich trotzdem. Ich würde ihn jedem empfehlen, denn er weiß zu bereichern. Aber ich würde ihn nicht als Film empfehlen, sondern als Buch mit netten bewegten Illustrationen. Also geht hin und lest Waking Life, das beste Buch, das je Film sein wollte.

Labels: , , ,

18.7.07

Keine Zeit für Gedanken...

Deshalb lass ich heute mal andere denken.

Labels: , ,

10.7.07

"historisch"

Scheiße. 13 Jahre ist Pulp Fiction schon alt. 13. Ich kann mich erinnern, als ich 13 Jahre alt war. Noch besser kann ich mich erinnern, wie sehr ich diesen Film liebte. Und, ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass "13 Jahre" mal eine unglaublich lange Zeit war. Früher. Es ist gar nicht so lange her, da waren 13 Jahre noch "historisch".

Als 13jähriger sind 13 Jahre eine historische Zeit. Eine Zeit, als die Eltern noch geraucht haben und mit dem Käfer Urlaub in Israel machten. Eine Zeit die man nur aus vergilbten Fotoalben kennt. Eine Zeit, vor der eigenen Zeit. Das ist sogar noch mit 23 so. Denn für die meisten Themenbereiche der Kultur beginnt man sich erst etwa so ab 10, meist sogar erst mit der Pubertät zu interessieren. Selbst mit 23 Jahren sind 13 Jahre meist "historisch". Aber was ist das: "historisch"?

Ich beginne es zu verstehen. Ich bekomme ein Gefühl dafür. Denn erst jetzt wird mir bewusst, dass die Erlebnisse meiner Jugend für andere, unwesentlich jüngere Menschen bereits "historisch" geworden sind. Denn man kann den Unterschied fühlen.
All die Dinge, die mir bewusst widerfahren sind: Tschernobyl, Challenger, der Fall der Mauer, Pulp Fiction, fühlen sich für einige mir bekannte und befreundete Personen an, wie sich für mich der "Deutsche Herbst" anfühlt, wenn ich über ihn lese oder einen Fernsehbericht darüber schaue: Abstrakt, vermittelt, gelernt. Ohne das Gefühl des Schocks, ohne die erfahrene Zertrümmerung von Gewissheiten, ohne das ereignishafte Herreinbrechen des Anderen. Das Unglaubliche das es damals war. Das Unglaubliche ist für andere bereits das Gegebene. Unglaublich, oder?

Und langsam entwickle ich ein Verständnis für diesen Begriff "historisch", indem ich sein Werden beim Anderen erfahre: Meine Zeitgreifende Erfahrung dehnt sich hinein in das unbewusste Nicht-Erleben eines Anderen: Mein Leben ist bereits für manche in Teilen "historisch". Dieser Begriff ist nur intersubjektiv erfahrbar, und ermöglicht einem vielleicht, dem immer schon "Gegebenen", dem je Historischen, seine Ereignishaftigkeit nachträglich zuzugestehen. Und es reflektiert das eigene Erlebte zugleich auch als Historie.

Ob am 16. April 1912 in der Zeitung vom Untergang der Titanic zu erfahren, vorm Fernseher zu sitzen am 11. September 2001 oder dem Radio lauschen bei der Mondlandung am 20. Juli 1969, all dies wird das selbe gewesen sein. Es wird historisch gewesen sein: In ein und der selben Realitätsferne. Für jemanden anderes, kommendes. Und - das hört sich nur einfach an. In Wirklichkeit ist es der Schulterschluss mit den Toten.

Labels: , , , ,

6.7.07

"Blogosphäre"

Volk. Man kann sagen: Es gibt Volk.

Es gibt eine Grenze, die geographisch einer Region einen Namen aufdrückt. Es gibt ein Gesetz, das von dieser Grenze einverleibt wird. Es gibt dort Menschen. Man kann sagen, diese Menschen sind ein Volk.

Menschen handeln, sagen, glauben. Sie wählen. Hier - alle vier Jahre ihre Vertreter. Diese Vertreter handeln, sagen, glauben und wählen dann: Gesetze - aber im Auftrag. In wessen Auftrag? Man kann sagen: Dem Auftrag des Volkes.

Es ist also die Meinung von einem Volk, das dort im Gesetz steht. Alleine, dass die Volksvertreter die Macht haben, für ein Volk verbindliche Regelungen zu schaffen, ist ihnen vom Gesetz verbrieft. Man kann sagen: Es war die Meinung des Volkes, ihnen diese Macht zu geben.

Das Volk hatte beschlossen, den Vertretern, damals, in unserem Fall 1949, diese Macht zu verleihen. Also nicht so direkt, aber indirekt, durch seine Vertreter. Sie, die Vertreter, beschlossen das Grundgesetz, das Gesetzt der Gesetze, das nebenbei eben jene geographische Grenze absteckte, welche ein Volk benannte, dessen Vertreter sie dadurch wurden, indem sie im Namen dieses noch nicht existenten Volkes das Gesetz unterschrieben.

Man kann durchaus sagen: Eine Grenze, ein Gesetz, ein Volk und seine Vertreter. Alles dies wurde gleichzeitig erschaffen in einem einzigen Geniestreich, einem bürokratischen Akt, direkt aus dem Nichts heraus. Durch ein paar Unterschriften auf einem Zettel. (Auch meiner Unterschrift?)

Diese krasse Paradoxie, man könnte sagen, dieser Wahnsinn, hat nur einen Namen verdient: Repräsentation. Und so nennt man unsere Demokratie auch eine "repräsentative Demokratie".

Ich. Es gibt mich. Auch ich handle, sage, denke, machmal wähle ich.

Man muss den Wahlzettel nicht unterschreiben. Vielleicht ist einer der Gründe dafür, dass man eh niemals unterschreiben würde, was dieser andere, der Vertreter damit macht, machen wird, in meinem Namen. Und doch wird eine Unterschrift geleistet worden sein. Implizit. Denn man unterschreibt die Verfassung, die repräsentative Demokratie, indem man wählen geht. Nachträglich. Man unterschreibt, dass man sich als Teil eines Volkes sieht, welches innerhalb einer Grenze lebt, eines, dass vertreten wird und dessen Vertreter Gesetze machen sollen, die man einhalten sollte. (eine Selbstverständlichkeit, ein natürlicher Vorgang, eine Offensichtlichkeit, das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand)

Die Volksvertreter bläuen einem immer ein, alle Jahre wieder, dass es die Verantwortung jedes Einzelnen ist, diese Unterschrift zu leisten, indem man wählen geht. Diese Unterschrift, die mir die Verantwortung nimmt und sie ihnen überträgt, in ihre Obhut. Man kann sagen: Ich habe die Verantwortung, meine Verantwortung abzutreten.

Blogosphäre. Kann man sagen: "es gibt eine Blogosphäre"?

Sie hat keine Grenzen, sie hat kein Gesetz, sie hat keine Vertreter. Es gibt Blogger. Sie handeln, sagen, glauben, das ist ihr Gesetz. Sie wählen nicht, aber sie schreiben. Als Vertreter ihrer selbst. Was schreiben Sie? Man kann sagen: Alles. Innerhalb ihrer je eigenen, persönlichen Grenzen.

Warum tun sie das? Warum lassen sie sich nicht vertreten? Von den Volksvertretern oder von den Massenmedien, diesem Anwalt des kleinen Mannes? Von Verbänden, Gruppen oder Parteien. Von Gewerkschaften, Publizisten, Lobbyisten oder Vereinen? Von all den Vertretern, all den repräsentativen Kräften und Instanzen, die mit einer Stimme sagen, die dafür da sind, um zu sagen, um für uns zu sagen, im Auftrag von uns. Teils ehrenwerte Institutionen, die vielleicht sogar genau das sagen, was auch der ein oder andere Blogger sagt. Oder selbst wenn sie sich vertreten lassen, warum reicht ihnen das nicht? Ist ihre Meinung nicht schon vertreten worden? Hat nicht jemand schon seine Unterschrift für genau dieses Thema, diesen Satz, diese Meinung geleistet? Warum sagen die Blogger es im Zweifelsfall noch mal? Was fasziniert sie so, an ihrer eigenen Unterschrift, an ihrem eigenen Getippten, an den Belanglosigkeiten ihres Lebens oder ihrer Auffassung von der Welt, all den dilettantischen Argumenten und vor allem an sich selbst? Die, die doch niemanden vertreten, was bilden die sich ein, wer sie sind? Sie sprechen nur für sich selbst. Sie vertreten stur sich selbst, als ob es nie bestellte Vertreter gegeben hätte.

Sind die Blogger eigentlich so etwas wie ein Volk (eine Gemeinschaft, eine Masse oder auch nur eine Gruppe)? Besser: können sie ein Volk sein, ohne sich vertreten zu lassen? Ist vielleicht ein Volk, erst ein Volk, durch sein Vertreten-werden? Wird das Bezeichnete, wenigstens in diesem Fall, erst durch seine Bezeichnung (Zeichnung, Signatur, Einschreibung) existent? Das heißt: klar umreissbar, zuordbar, definierbar, indem man, als Vertreter, als Ersatz für dieses etwas, eine Grenze zieht und ihm ein Gesetz aufdrückt (Was z.B. auch in Foren, öffentlichen Chats und Communities geschieht: eigene Gesetze, eine klare Grenze und mehr oder weniger offizielle Vertreter)?

Was wäre die Blogosphäre, wenn all dies bei ihr nicht greift? Wer würde den Gegenstand definieren? Wer könnte sagen: "Das sagt die "Blogosphäre"? Wer könnte sie vermessen: "von hier bis dort"? Wer könnte sagen: "Die Blogosphäre meint..." oder nur: "Das da ist (k)ein Blogger"? Wer könnte für die Blogosphäre sprechen? In ihrem Namen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Volk (oder irgendeine irgendwie definierte Gemeinschaft) gibt. Ein Volk jenseits eines autokratischen, mystischen Gründungsaktes. Ich bin mir nicht mal sicher, ob man sagen kann: "man kann sagen". Wer ist dieses "man"? Mir scheint sein Eigenname ebenso nebulös zu sein, wie der, irgendeines Volkes.

Man kann vielleicht sagen: Es gibt eine Blogosphäre. Aber niemand gehört ihr an.

Aber ich (ich, für mich) finde schöner: Es gibt zwar keine Blogosphäre. Aber genau deshalb will ich ein Teil davon sein.

Labels: , , , ,

20.6.07

Vorerst...

geht es hier in den Kommentaren weiter:
"... mit dem eigenen Blog schafft man seinen eigenen Raum. Jenseits und GLEICHZEITIG diesseits der Öffentlichkeit. Jedes Blog ist nur ein Supplement des öffentlichem Raumes. Und gerade deswegen ein Raum der unbegrenzten Möglichkeit, aber auch der absoluten Verantwortlichkeit."

Labels: , ,

14.6.07

Postmoderne und Verantwortung

Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird.
[Ton Steine Scherben - der Traum ist aus]

Die Postmoderne ist so ein Begriff. Heute aus der Mode gekommen, schien er damals - schon damals - unser heutiges Leben zu beschreiben. Kurz: es ist alles nicht mehr so einfach. Die vielfältigen Verstrickungen und Wirrungen, die einem heute bereits begegnen, wenn man versucht eine Handlung oder eine gängige Praxis zu kritisieren, sind ein gutes Beispiel. Man kann nicht mal mehr für „Brot für die Welt“ spenden, ohne den einen oder anderen Bauern in der Armutsregion in seiner Existenz zu bedrohen. Man kann keine Kleider spenden ohne der ansässigen Textilindustrie zu schaden. Man kann kein Geld spenden, ohne den einen oder anderen korrupten Diktator zu stützen. Man kann keine Süßigkeiten mehr essen, wenn man gegen Nesté opponiert. Man kann Politiker nicht mehr für irgendwas verantwortlich machen, weil sie schon auf dem Zettel stehen haben, warum ihnen die Hände gebunden sind.
Überhaupt. Niemand ist verantwortlich. Für nichts. Wenn uns ein Verantwortlicher für irgendetwas präsentiert wird, dann kann man sicher sein, dass es sich um ein Bauernopfer handelt. So ist sie die Welt. Nicht mehr greifbar. Die Macht verschwindet in der Struktur. Und gegen die Struktur zu kämpfen ist wie gegen Windmühlen zu kämpfen.

Mercedes Bunz hat versucht, diesem Umstand in ihrem Text Rechnung zu tragen. Und überhaupt gehört zu den Vorzügen ihrer Bemühungen den Einsatz der Postmoderne wieder zu repolitisieren. So fordert sie hier z.B. auf die Strukturen freizulegen, die Macht aus ihrer Diffusität herauszuholen, sie sichtbar zu machen. Ihr Ansatz basiert dabei auf Foucault's Werk, der sein Leben nichts anderes versucht hat.

Dennoch. Es bleibt verführerisch sich auf die Struktur zu berufen. Auf die Komplexität der Welt, der Situation, der Zeit und der Macht. Der Fatalismus ist immer ganz nahe, wenn man sich auf den Gedanken einlässt. Und nicht umsonst musste sich Foucault von Chomsky anhören, er sei ein Nihilist. Hatte Chompsky damit recht? Ja. Und nein.

Richtig ist, das Foucault keinen Ausweg sah, als den, die Strukturen offen zulegen. Die Macht zu entlarven. Aber was brachte es? „Gouvernementalität“, ein Ausdruck Foucaults um das Einschreiben der Macht ins eigene Bewusstsein zu auszuformulieren, heißt heute „Selbstmanagement“ und „Neurolinguistische Programmierung“. Es wird in Managementseminaren angeboten. Für teures Geld, kann man sich dann „umprogrammieren“ lassen. Das Buch „getting things done“ ist nichts weiter, als eine in eine Anwendung gegossene foucaultsche Selbstpraktik.

Ja, auch Foucault selbst wurde antizipiert von der Macht. Und vielleicht liegt es an seiner Position, die er sich sein ganzes Werk über weigerte zu befragen. Einfache Fragen: Wenn die Regeln des Diskurses alles bestimmen, welche Regeln bestimmen dann mich? Wenn die Macht strukturell ist, kann ich überhaupt die Außenposition einnehmen, um sie zu entlarven. Reicht es zu fordern die Macht aufzuspüren, oder verfällt man dann nicht wieder schnell in eine unangemessene: „Wir – Die“ Symetrie, die das selbe Innen-Außenverhältnis reproduziert, das man ja eigentlich hinterfragen wollte. Wahrhaft ein Problem gegen eine Macht, die - auf dauer - kein Außen kennt.

Die Frage bleibt: Was tun gegen den Fatalismus? Reicht Kritik hier aus? Wie steht es mit der Ethik im postmodernen Zeitalter?

Derrida, auch ein als „postmodern“ gelabelter Philosoph, hat versucht eine andere Antwort zu geben. Zunächst würde er der These widersprechen, dass es sich um ein Zeitalterproblem handelt. Die Welt wäre „immer schon“ komplex gewesen. Zu komplex, jedenfalls, um sie beschreiben zu können. Zu komplex um entscheiden zu können. Zu komplex als dass man überhaupt eine Grenze ziehen könnte, zwischen gut und böse, schlecht und recht, schön und hässlich. Ja, diese Grenze selber, „die Grenze an sich“ ist eines seiner liebsten Problematisierungen.

Das scheint uns nun zunächst nicht besonders weiterzuhelfen. Die Konsequenz scheint im Gegenteil im absoluten Fatalismus zu enden. Ist damit Ethik überhaupt möglich? Nein. Mit Derrida ist keine Ethik zu machen. Keine Ethik jedenfalls, die im klassischen Sinn ein Set von Regeln zur Verfügung stellt, mit dem man die Seeligkeit oder Gutheit erreichen könnte. Keine Anweisung, kein kategorischer Imperativ, nicht mal eine Minima Moralia.

Und dennoch stellt er sich hin und fordert. Was fordert er? Er fordert eine Entscheidung. Ja, eine Entscheidung, dort, wo alles Unentscheidbar ist. Gerade dort. Nur dort. Denn ein entscheidbares Problem kann man nicht entscheiden. Denn, so Derrida, eine Entscheidung ist nur dann eine Entscheidung, wenn man sie Rückhaltlos getroffen wird. Wenn man nicht sagen kann: „Ich habe mich entschieden, weil...“ Dieses Weil nimmt der Entscheidung, jeder Entscheidung, die Verantwortlichkeit. Sie bietet Ausflüchte, eben all die Ausflüchte, die heute möglich sind. Man kann sich immer auf eine Struktur berufen, man kann sich immer auf jemand anderes Berufen, auf Regeln, Zwänge, eben auf diese diffuse Wolke, die man Macht nennt. Oder auf sein Unwissen. Auf die Komplexität, wenn man sich entschieden hat, nicht zu entscheiden. Dieses „Weil“ ist der Grund für unsere Situation. Dieses „Weil“ ermöglicht der Macht sich zu verschleiern. Denn dieses Weil ist ein strukturell unendliches „Weil“. Eines das immer ein Aufschub für Verantwortlichkeit ist. Ein Aufschub der niemals endet. Sogar niemals geendet hat.

Eine Entscheidung braucht also Verantwortlichkeit. Und die zu fordern, von jedem zu fordern, schafft eben kein Außen mehr. Niemand kann sich dem entziehen. Das Unentscheidbare zu entscheiden wäre also die Ethik, die keine ist. Es wäre die unlösbare Aufgabe, die man sich auf die Fahnen zu schreiben hat in unserer Welt. An der man nur scheitern kann, die man aber nicht abstreiten kann. Der man sich ihr nicht entziehen ohne ein „Weil“ vorzuschieben, indem man sich auf die Komplexität der Welt, der Umstände oder der Struktur beruft. Indem man sich also auf das beruft, zu dessen Teil man sich gerade dadurch macht.

Aber es ist noch viel mehr. Es sollte der Schlachtruf des Bloggens sein. Denn hier - genau hier - wird der tot geglaubte Autor wieder eingesetzt. Hier kommt das Subjekt zurück, aber anders zurück, ganz anders: als Vielheit. Als Vielheit der Verantwortlichkeit. Statt als Rädchen in der schweigenden Masse eines Verlages. Denn wenn das Bloggen dem Journalismus eines voraus hat, dann ist es eben diese Verantwortlichkeit.

Vielleicht ist das nur ein Traum. Vielleicht ist der Traum auch schon wieder aus. Aber ich werde alles geben, dass er ankommt, dass er in irgendeiner ganz anderen Zukunft der angekommene Traum gewesen sein wird.

Labels: , , , , , ,

28.5.07

Vernunft und Leid

Passend zu dem Thema und sehr nachdenkenswert. Das Verhältnis von Vernunft und Leid bei D-Radio Essay.

Labels: , , ,

11.10.06

Die Logik der Verschwörung

Die Philobar bebauptet:

„Verschwörungstheorien lohnen kaum die Diskussion“

Einspruch!

Verschwörungstheorien sind ein durchaus interessantes Thema und gehen vielleicht tiefer das Selbstverständnis der Philosophie an, als es zunächst den Anschein hat. Die Verschwörungstheorie ist nämlich ein schönes Fallbeispiel der Theorie schlechthin. Alles muss auf die Frage zulaufen: „Warum gibt es Verschwörungstheorien?“ Es muss einen Grund und eine Ursache haben, warum es Verschwörungstheorien gibt. Das ist eine wichtige Frage und ich möchte sie hier stellen. Denn ich habe da eine Theorie ...

Aber zunächst: Was genau stört die Kritiker der Verschwörungstheorie? Was genau wird dort als „unredlich“ kritisiert? Was genau kann man der Verschwörungstheorie vorwerfen?

Die Frage der Verschwörung an sich? Oder die Frage der Theorie an sich? Beides, so muss man feststellen, wird auch von den Kritikern nicht in Frage gestellt: Weder die allgemeine Existenz der Verschwörung, noch die Notwendigkeit der Theorie. So hat Mathias Brökers zu Recht darauf hingewiesen, dass auch die „offizielle“ Version der Anschläge des 11. Septembers eine „Verschwörungstheorie“ ist. Es ist eine Theorie, die von der Verschwörung einer islamistischen Gruppe als Attentäter ausgeht.

Ist es eine Theorie? Würden die Vertreter der „offiziellen“ Version bestreiten, dass ihre Version eine Theorie ist und vielmehr behaupten sie sei ein Faktum? Was ist eine Theorie? Wenn man an Definitionen glaubt, kann man definieren: „Jede Theorie geht von dem aus, was wahrnehmbar (vielleicht faktisch ist) ist (Griechisch: theorein: beobachten, betrachten, [an]schauen) und denkt sich einen Grund dafür aus (Griechisch: theoría: Überlegung, Erkenntnis).“

Zunächst ist die Unterscheidung von Fakt und Theorie sicher erst einmal eine sehr theoretische. Ein Fakt ist etwas, dessen ich mir sicher bin, dass unanzweifelbar im Raum steht, dass ich nicht leugne, vielleicht nicht leugnen kann. Eine empirische Tatsache. Nun ist man seit jeher in der vertrackten Situation, dass man Fakten grundsätzlich in Frage stellen kann. Ich kann jeden Fakt in Frage stellen und wenn mir jemand diesen Fakt "beweist", kann ich weiterhin darauf insistieren und behaupten, die Messgeräte seien falsch geeicht, die Schiedsrichter bestochen, also: dass sich alle Welt gegen mich und meine Weltsicht verschworen haben.

Ja, es ist immer im Bereich des Möglichen, dass es eine Verschwörung gibt, dass sie nach wie vor geheim ist, und dass nur ich der letzte Zweifler bin, der der den „angeblichen“ Fakten misstraut. Das Misstrauen ist unhintergehbar und grundsätzlich unausräumbar, was schließlich und letztendlich jeden Fakt zur Theorie werden lässt.

Hier sind wir sicher der Verschwörungstheorie ein Stückchen näher gerückt und können festhalten, dass die Verschwörungstheorie die Trennung von Fakt und Theorie einerseits empfindlich angegreift, wenn nicht außer Kraft setzt. Aber andererseits sollten wir vorsichtiger sein: Die Verschwörungstheoretiker wollen mitnichten diese Trennung zwischen Fakt und Theorie aufweichen, auch wenn sie es implizit tun und wenn ihnen das auch vorgeworfen wird. Die Verschwörungstheoretiker klopfen aber genau so auf die "Fakten" und brandmarken die Gegenseite genauso als reine Theorie, genauso wie es ihnen selber vorgeworfen wird. Natürlich ist da der Vorwurf der Irrationalität nicht weit: Wikipedia über die Verschwörungstheorie:

„Der Begriff wird meist zur Abwertung von Ansichten benutzt, die als unbegründet, irrational, abseitig oder sogar paranoid gelten und weltanschaulich geschlossen, also festgefügt betrachtet werden.“

Halten wir kurz bei dem Begriff „irrational“ an, denn dieser Vorwurf hat eine gewisse Brisanz. Es ist eine durchaus aufklärerische Geste, das je Andersmeinde als „irrational“ zu brandmarken. Hier die rationale Erklärung (diese oder jene Ursache befördert diese oder jene Wirkung), hier die irrationale Erkärung, die keinen Grund, keine Ursache, keine Wirkung vorsieht. Kann man diesen Vorwurf den Verschwörungstheoretikern machen? Arbeiten sie nicht genauso mit Ursache und Wirkung. Ja, sind sie nicht verrückt danach die Ursache finden zu wollen, die „wahre“ Ursache, den „wahren“ Verursacher, der Verursacher, der im geheimen operiert, der noch aufgedeckt, entlarvt und erschlossen werden muss. Der geheime Grund, irgendwo da draußen. Ist das nicht die rationale Ethik selbst, der Anfang jeder wissenschaftlichen Entdeckung, sich nicht mit einfachen Antworten zu begnügen, Antworten, die aus diesem oder jenem Grund unbefriedigend sind und sich deshalb auf die Suche zu begeben, nach dem "echten" Grund, der Wahrheit. Also schlicht: Der nichtzufälligen Ordnung des Seins?

Wenn wir beide Seiten also so betrachten lässt, sich festhalten: Die Verschwörungstheoretiker werfen den offiziellen vor, Theorien als Fakten zu verkaufen und die „echten“ Fakten geheim zu halten.

Die Offiziellen werfen den Verschwörungstheoretikern dagegen vor, Fakten und Theorien nicht zu trennen, Fakten nicht als Fakten anzuerkennen.

Es ist also ein Kampf zwischen einer Grenze, der Grenze zwischen Fakt und Theorie, der diese Grenze gerne nach einem bestimmten Ort hin ausrichten will. Ein klassischer Grenzkampf könnte man sagen.

Ich will hier keiner Seite das Wort reden, will aber darauf hinweisen, dass es durchaus „Fakten“ gibt, bei denen sich beide Seiten einig sind: Zunächst, dass das WTC eingestürzt ist. Als nächstes: dass die Trennung von Fakt und Theorie mitnichten eingestürzt ist. Als nächstes: Dass das eine Ursache haben muss.
Nur bei der Frage nach der Ursache sind sie sich uneinig. Was ist der Grund? War es die Verschwörung der Islamisten? War es die Verschwörung der Buschregierung? War es eine Mischung aus beidem?
Es geht nicht um Verschwörung und Nicht-Verschwörung sondern nur darum: welche Verschwörung?

Fragen wir anders: Wie sähe eigentlich das Andere der Verschwörungstheorie aus? Hier meine provokative Antwort: „Die Flugzeuge rasten aus Zufall in die Türme“.
Ja, das wäre tatsächlich eine Nicht-Verschwörungstheorie. Der Zufall träte hier als das Andere der Verschwörung auf. Der Zufall wäre also eine Lösung aus dem Dilemma der Verschwörung und Beschwörung des Grundes und vielleicht wird er uns noch etwas über das Wesen der Verschwörung und die Theorie im Allgemeinen erzählen.

Bevor ich darauf weiter eingehe, möchte ich aber zunächst auf eine andere Debatte verweisen, die eine strukturelle Ähnlichkeit mit der der Verschwörungstheorie hat, aber in der der Zufall eine, ich würde sagen prominentere, Rolle spielt: Es geht um die Debatte Kreationisten vs. Evolutionslehre, die in letzter Zeit noch mehr die öffentliche Wahrnehmung erreicht hat, als jede andere Verschwörungstheorie. Merkwürdiger Weise taucht aber hier dieser Begriff nicht auf, obwohl er sich hier viel besser zur Abgrenzung der jeweiligen Positionen eignen würde. Denn die Kreationisten setzen ihre „intelligent Design“ Theorie an einer ganz entscheidenden Stelle gegen Darwin ein: Den Zufall.

Darwin, der in dieser Debatte den Standpunkt des redlichen Wissenschaftlers einnimmt, lässt seine Theorie der Evolution auf den Zufall fußen. Die Formen, Farben und Arten, so seine These, haben sich in einem langen Prozess der zufälligen Mutation entwickelt, wobei sich abhängig von den je unterschiedlichen Gegebenheiten, also der „Lebensumstände“, gewisse Mutationen durchgesetzt haben, andere, sogar die meisten, eben nicht.

Man kann diese Zäsur nicht hoch Genug bewerten. Darwin krempelt hier in einer einzigen Geste die Wissenschaft und die Wissenschaftlichkeit um: Das rationale Prinzip schlechthin, das der „Ursache“ und der „Wirkung“ wenden sich hier gegen jede Positivität. Darwins Theorie kann (und will) nämlich nicht mehr „erklären“, wie es zu dieser oder jener Art, dieser oder jener „Eigenschaft“ gekommen ist. Was also die „Ursache“, der „Grund“ für diese Eigenschaft ist. Darwin muss hier immer auf den Zufall verweisen. Das heißt auch auf die Unentscheidbarkeit, das was jede Erklärung übersteigt, was weder Ordnung hat noch Ursache hat, das was konfus bleibt, unlogisch oder sich jeder Logik widersetzend.

Er kann lediglich erklären warum diese oder jene Eigenschaften NICHT vorhanden sind. (Sie hat sich nicht durchgesetzt)
Darwin kann keine positive Eigenschaft „erklären“, er kann kein „Faktum“ erklären. Er kann aber rückwirkend erklären, warum die Dinosaurier oder der Neandertaler ausgestorben sind. Und nicht mal das. Jedenfalls nicht konkret. (Noch heute wird darüber gestritten)

Darwin, der keinen Grund für unsere Existenz liefern kann, außer einem Zufall und dessen „Bewährung“ ist heute, vielleicht genau deshalb, die Angriffsfläche der Kreationisten. Und witziger Weise ist dieser per se unwissenschaftliche Zufall genau das, womit sich die Kreationisten sich nicht zufrieden geben: Ihr Hauptargument ist: Es muss einen Grund geben. Es muss eine Ursache haben, dass alles so ist, wie es ist. Es muss eine Verschwörung geben, eine Verschwörung eines oder mehrer Götter, jedenfalls eines Wesens, das der Verschwörung fähig ist, damit alles so ist, wie es ist. (Und ja, es ist möglich, dass man sich mit sich selbst verschwören kann, dass man sich selbst gegenüber einen Schwur leisten kann, etwas zu tun oder zu lassen, es geheim zu halten, oder beides. Es erscheint mir all zu evident, als dass ich es hier ausführen möchte, ich kann es aber bei Bedarf gerne tun)

Hier, genau hier sind wir am entscheidenden Punkt: Dieses: „Es muss einen Grund geben!“ verbindet die Kreationisten mit jeder Verschwörungstheorie – und nicht zuletzt – mit allen positiven Wissenschaften, vielleicht: mit jeder Theorie im Allgemeinen.

Wenn eine Theorie zuerst und vor allem die Unterscheidung zwischen Theorie und Faktum ist, wenn Theorie weiterhin erklären möchte was ist (Grund, Ursache, Anfang, Ursprung), wenn eine Theorie also eine rationale Erklärung ist, dann kann Darwin nicht mehr als Theoretiker begriffen werden und die Evolutionslehre muss als irrational gelten, gerade weil sie keinerlei Verschwörung beschwört. Und zwar gerade weil Darwins Denken jeder Verschwörung eine Absage erteilt.

Kämpfen in dieser Debatte nicht also „Rationalisten“ (Leute die auf eine Ursache pochen) gegen eine nicht-rationale, weil auf den Zufall bauende, also per se irrationale Annahme?

Denn der Zufall ist per se irrational. Vielleicht sogar die Definition des Irrationalen.

Ist es also nicht schon längst an der Zeit, die Begriffe zu wechseln, wenn man denn diesen Kampf führen möchte?

Zurück zu den Verschwörungstheoretikern: Ihr Anliegen und ihre Argumentation ist ebenso rational, wie die der offiziellen Version. Es ist bei beiden eine Theorie, die auf die Verschwörung, das heißt auf den Grund oder die Ursache eines gewollten, aber geheimen Handelns, einer geheimen Instanz und so weiter ausgeht. Als ob es Gott selber wäre, der die Flugzeuge gelenkt hat.

Was unterscheidet also eine Verschwörungstheorie von ihrem Anderen, wenn dieses andere selber eine Verschwörungstheorie ist? Ist es nicht vielmehr nur der Streit zwischen zwei verschiedenen Theorien?

Wo existiert die Grenze? Vielleicht eher zwischen „offiziell“ und „inoffiziell“ oder „verbreitet“, "weniger verbreitet“? Kann man beantworten, warum diese oder jene Verschwörungstheorie existiert? Kann man einen Grund, eine Ursache, vielleicht eine Verschwörung für diese Mutation der Wahrheit finden? Und sollte man es tun? Sollte man die allgemeine Verschwörung aller Verschwörungstheoretiker aufdecken, die sicher, irgendwo das draußen, existiert?

Es gibt einen klugen Begriff in der Evolutionslehre, der mir hier als ein Ausweg erscheint: „Viabilität“

Viabilität ist nicht einfach das „fittest“ aus „Survivel of the fittest“. Es ist auch nicht das „Stärksten“ aus „nur die Sträksten überleben“. Es ist grundsätzlich das Überlebenkönnen, das Lebenkönnen also, welche das Leben selbst übersteigt, und zwar ganz unabhängig von irgendwelchen zuweisbaren Eigenschaften. Es ist vielleicht selber eine Eigenschaft, aber eine sehr seltsame Eigenschaft, die sich nicht darstellt, nicht im hier und jetzt darstellt, vielleicht überhaupt nicht darstellbar ist. Von dem was ist, wird man diese Eigenschaft nur in der Zukunft feststellen können. Man wird sie festgestellt haben.

Man kann heute sagen, dass der Neandertaler, trotz (oder wegen?) seiner Stärke, nicht viabel war. Das warum lässt sich wohl in Wirklichkeit nie mit Sicherheit feststellen lassen. Es muss eine Theorie bleiben, so wie jede Ursache. Aber man kann sagen, dass er nicht viabel war, weil er nicht überlebt hat. Vielleicht bleibt sogar auch das aber nur eine Theorie, wenn es irgendwo auf der Welt, in einem fernen Land, irgendwo da draußen, unentdeckt, doch noch Neandertaler gibt? Dann wäre auch seine Viablitität eine Eigenschaft, die in der Zukunft liegt. So wie unsere Viabilität, die von uns Menschen. Sie ist jedenfalls keinesfalls sicher. Wer wird darüber entscheiden?

Die Viabilität ist also ein Gespenst, weder hier noch dort oder hier und dort. Jedenfalls gehört es einer anderen Sphäre der Realität an, einer anderen als der Gegenwart. Gleichzeitig einVersprechen in der Zukunft und eine Gewissheit in der Vergangengeit: : „Etwas wird viabel gewesen sein.“

Welche Version der Anschläge wird wohl viabel gewesen sein? Man kann es nur vermuten. Schlüssigkeitskriterien mögen dabei eine Rolle dabei spielen. Vielleicht auch nicht.

Wird die Evolutionslehre ihre Viablität beweisen? Oder ist ihre Zeit gekommen? Nietzsche sagte „Gott ist tod“ und meinte: „Die Idee von Gott ist nicht mehr viabel“. Hatte er Recht? Viele haben es lange geglaubt. Lange war die Idee von Gottes Tod viabel, doch es gibt keinen Schutz gegen die Wiederkehr der Geister. Vielleicht ist es nur das Gespenst Gottes, das uns zur Zeit heimsucht, in Form einer Verschwörung der Kreationisten. Ich denke, es ist berechtigt hier eine Verschwörung zu wittern.

Letztendlich muss ich aber selber entscheiden, was ich glauben will. Aber ich kann gewiss sein, dass meine Entscheidung eine der Entscheidungen sein wird, die über die Viablitität mitentschieden haben wird.

Ich jedenfalls glaube an Gespenster und ich nehme sie sehr ernst: Ernster als Kreationismus, Gott oder Verschwörungstheorien.

Labels: , , ,

17.11.05

War Nietzsche ein Rocker?

"Ich sage euch:
man muss immer noch Chaos in sich haben,
um einen tanzenden Stern gebären zu können.
"
(Zarathustras Vorrede)

Auf die von JGE in seiner Philobar gestellte Frage, warum Nietzsche so populär ist, gibt es eigentlich nur eine Antwort: Nietzsche ist Philosophie gewordener Rock'n Roll.

Er ist eine tragische Figur der Auflehnung gegen das bürgerliche Spießertum. Er ist ein wütender, alle Gewissheiten zerschlagender Hotelzimmerverwüster. Er ist der größenwahnsinnige Brachialpolemiker mit dem Holzhammer. Und dennoch ist er auch der traurige Außenseiter, von seinen unglücklichen Lieben aufgezehrt und schließlich auch mithilfe von Drogen um den Verstand gebracht. Es ist, als sei er nie wirklich erwachsen geworden, was ihm eine nicht zu nehmende Schärfe verleiht, ihn aber letztendlich vollends den Verstand und wohl auch das Leben kostete. So bleibt er uns im Gedächtnis wie so viele andere, James Dean, Jimmy Hendrix und Kurt Cobain, als ein Märtyrer dieser sinnlosen Rebellion, die man Jugend nennt.

Ach ja, er selbst hat mit Begeisterung, aber dafür weniger mit Erfolg Musik gemacht, dabei orientierte sich sein Musikgeschmack erklärtermaßen an Richard Wagner, wessen Werk sich eine gewisse Rock'n Roll-Attitüde nicht absprechen lässt. (wobei ich immer noch Beethoven für den größten Rocker unter Klassikern halte)

Labels: , ,